>>Mit heiligem Zorn demolieren Arthur Schopenhauer und mehr noch Friedrich Nietzsche den Glauben an die Vernunft und alle darauf gegründete Philosophie. Statt mit Weltgebäuden haben wir es im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr mit Weltanschauungen zu tun. Der Philosoph erkennt nicht mehr die Welt, sondern er wirft ein besonderes subjektives Licht auf sie. Er gewichtet und wertet, polemisiert und spitzt zu und macht sich für eine besondere ethische oder ästhetische Haltung gegenüber der Welt und dem Leben stark. Nichts anderes geschieht gleichzeitig in der Kunst. Auch sie will nicht mehr das Sichtbare objektiv wiedergeben, sondern etwas subjektiv sichtbar machen.
Die Philosophien Schopenhauers und Nietzsches sind literarisch durchkomponiert und versuchen, den Leser ästhetisch in den Bann zu ziehen. Das Gleiche begegnet uns schon im 18. Jahrhundert in der französischen Philosophie, die essayistisch statt wissenschaftlich ist. Rousseau, Diderot oder Voltaire denken nicht in Systemen; sie schaffen Skulpturen des Denkens, Gedankenfiguren oder >>Philosopheme<< statt Philosophien. Und wie die Künste zu Stilrichtungen und -ismen werden, so auch die weltanschaulichen Philosophien. Man baut nicht mehr am großen Haus, sondern man prägt einen Denkstil aus, und die Weltanschauung wird zum Markenzeichen. Auch diese Tradition besteht bis heute fort, insbesondere in Frankreich, von wo sie einst ausging.<< [Richard David Precht; Erkenne die Welt; Eine Geschichte der Philosophie – Band 1; 2015]

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